Kannst du dir nicht schönsaufen

Unsere Kolumne Jausengegner in den Alszeilen des Wiener Sport-Club: Cup-Spiel vom 15.09.17 gegen Bruck

Heute kommt Bruck. Willkommen! Der Herbst birgt gegenüber einem bitteren Fußballabend einen empfindlichen Nachteil: Man kann ihn sich nicht schönsaufen. Ok, er hat per se eine fratzenhafte Bestimmung, für die er selber nichts kann. Denn der Herbst ist der notorische Totengräber des Sommers. Und das sei ihm nie verziehen, da nützt auch kein jämmerliches “Hab’s nicht gewollt”. Das einzig Schöne am Herbst ist, dass es wieder Fußballabende gibt. Die sind momentan zwar bitter wie er selbst, aber sie sind. Den Rest kann man sich ja schönsaufen.

Wer mit dem 43er zum Sportclubplatz fährt, um sich in dieser Disziplin unter Extrembedingungen zu üben, dem bleibt auch nicht verborgen, dass obendrein noch Wahlkampf herrscht. Das macht die Sommerkillerjahreszeit wenigstens wieder amüsant. Das bisher ehrlichste Plakat liefert jene Partei, deren Spitzenkandidat in den letzten zwölf Jahren nicht Wiener Bürgermeister, nicht Bundeskanzler, nicht Bundespräsidentenwahlsieger geworden ist, dafür aber Brillenträger. Es glorifiziert exakt jenen österreichischen Typ, den die wahlwerbende Partei und ihr Personal verkörpern: den Radfahrer, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Chapeau, so viel Selbstironie hätten wir euch nicht zugetraut.

Ausgerechnet die Wiener Linien zeichnen den Wandel unserer politischen Kultur der letzten Jahrzehnten exakt nach. In untragbaren Situationen mit disziplinären Vergehen forderte die Tram-Durchsage früher “Zurücktreten, bitte!”. Später nahm man den Verfall des geistigen Niveaus mancher offenbar schon resigniert hin: “Zurückbleiben, bitte!” Heute ist man bloß noch bemüht, die solcherart Zurückgebliebenen vor Wiederholungstaten zu schützen: “Steigen Sie nicht mehr ein!” Akustisch dick unterstrichen durch einen unterbrochenen Piepton als schrilles Besetztzeichen.

Und dann heißt’s im 43er “Bitte seien Sie achtsam. Andere brauchen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger.“ Das gilt gleichermaßen für Parlament wie Trainerbank.

Come on, Sport-Club!

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